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Universitäre Medizin Zürich UMZH

Präzisionsmedizin für Kinder und Erwachsene mit Blutkrebs

Im Fokus des INTeRCePT-Projektes stehen Erwachsene und Kinder mit aggressiven Blutkrebserkrankungen. Das Forschungs­konsortium um Thorsten Zenz entwickelt Behandlungsformen, die auf individuelle Eigenschaften der Patientinnen und Patienten abgestimmt sind. Mit Präzisions­medizin soll die Rate der Personen, die auf Medikamente ansprechen, um 50 Prozent gesteigert werden.

Status: Forschung läuft
Kontakt

Prof. Dr. med. Thorsten Zenz
Leitender Arzt an der Klinik
für Medizinische Onkologie und
Hämatologie am Universitätsspital Zürich
und Professor der Medizinischen Fakultät
der Universität Zürich
+41 44 255 37 82
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Aggressive Blutkrebs­­erkrankungen präziser behandeln

Jeden Tag, wenn Professor Thorsten Zenz von der Visite im Universitätsspital Zürich in sein Büro im Stock D des Hauptgebäudes zurück­kehrt, ist er voller Emotionen: Einige Patientinnen oder Patienten können nach einer Chemotherapie mit guter Prognose aus der Klinik entlassen werden. In seltenen Fällen muss der Leitende Arzt für Häma­tologie anderen jedoch mitteilen, dass ihre Heilungschancen klein sind.

Schlechte Nachrichten zu kommunizieren, ist auch für Zenz eine aufwühlende, schwierige Aufgabe. Hoffnungen werden zerstört, Träume zerplatzen wie Seifenblasen: «Die betroffenen Blutkrebs­patientinnen und -patienten haben oft mehrere intensive, belastende Behandlungen hinter sich. In vielen Fällen sind diese eine Zeitlang erfolg­reich. Doch leider wissen wir in gewissen Fällen, dass die Prognosen bei einer Rückkehr des Krebses sehr schlecht sind.»

Dies will ein Forschungskonsortium um Professor Zenz mit dem Projekt INTeRCePT ändern. Im Fokus stehen Erwachsene und Kinder mit aggressiven Blut­krebs­erkrankungen wie Lymphomen, das heisst bösartig veränderten Zellen in den Lymphknoten oder im Knochenmark. Im Zentrum des Projektes stehen auch Patientinnen und Patienten mit akuter lymphoblastischer Leukämie. Diese tritt besonders häufig bei Kleinkindern im Alter bis zu fünf Jahren auf.

Das Optimierungs­potenzial nutzen

«Wir haben bereits eine grosse Palette an neuen, auch gentechnisch veränderten Zelltherapien zur Verfügung», führt Zenz aus. «Wir nutzen das ganze Spektrum.» Dies ist eine positive Entwicklung. In den Augen des Arztes gibt es allerdings klares Opti­mierungs­potenzial: Die Forschungs­gruppe möchte besser verstehen, welche Medikamente bei welchen Erkrankungen am besten wirken. Ziel ist, Regeln für die Anwendung von Therapien zu entwickeln und damit die Heilungschancen deutlich zu verbessern. Das System soll die individuellen Voraussetzungen der Betroffenen exakt berücksichtigen und ist somit ein Musterbeispiel für die Präzisions­medizin. Die Rate der Patientinnen und Patienten, die auf Medikamente ansprechen, soll um 50 Prozent gesteigert werden.

Das Projekt INTeRCePT ist auf fünf Jahre angelegt. In den ersten drei Jahren sollen die Grundlagen erforscht werden, bevor eine klinische Studie beginnt. Zunächst werden im Labor Gewebe- und Blutproben auf­ge­arbeitet. Dabei werden verschiedene Medikamente an den Proben getestet. Die Analyse erfolgt in einer extrem grossen Auflösung bis auf einzelne Zellen. Die Wissen­schaftlerinnen und Wissen­schaftler wollen so genau herausfinden, wie die Zellen auf die einzelnen Wirkstoffe reagieren.

Bio­marker sollen voraussagen, ob jemand auf eine Therapie ansprechen wird

Am Projekt INTeRCePT sind neben dem Universitätsspital Zürich, der Universität Zürich und der ETH Zürich auch das Universitäts-Kinderspital Zürich sowie das Europäische Laboratorium für Molekular­biologie (EMBL) in Heidelberg beteiligt. Der Kinder-Onkologe und Professor Jean-Pierre Bourquin vom Kinderspital ist im Alltag mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert wie Zenz. Gibt es für ein krebs­krankes Kind keine heilende Therapie mehr, ist das für die ganze Familie dramatisch. Mit traurigen Realitäten bei Erwachsenen sind auch jüngere Ärzte­kolleginnen und -kollegen wie Marco Roncador, der als Assistenzarzt Hämatologie mit Thorsten Zenz zusammenarbeitet, konfrontiert. Er hält fest: «Kein Arzt kann zufrieden sein, solange es Patienten gibt, denen er nicht helfen kann.»

Der ebenfalls beteiligte Arzt Tobias Wertheimer arbeitet am Institut für Ex­perimentelle Immunologie an der Universität Zürich. Das Team der Immunologie untersucht im Labor die Wechselwirkungen zwischen den Immunzellen und den Krebs­zellen mit und ohne Medikamente. Die Forschenden möchten Biomarker identi­fizieren, mit denen sie voraussagen können, ob eine bestimmte Patientin oder ein bestimmter Patient auf eine Therapie ansprechen wird.

Daten, die auch anderen Krebs­betroffenen helfen

Ein Bioinformatik-Team der ETH Zürich wird die Datensammlung und -analyse übernehmen. Diese Arbeit ist äusserst wichtig. Denn von den Ergebnissen des INTeRCePT-Projektes sollen in Zukunft auch Krebsbetroffene profitieren, die nicht an Blutkrebs, sondern an anderen Krebserkrankungen leiden.

Im Gespräch mit...

Hören

Thorsten Zenz

«Wir verstehen immer besser, wieso bestimmte Medika­mente nicht bei allen Patienten gleich wirken»

Prof. Dr. med. Thorsten Zenz ist Leitender Arzt an der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie des Universitätsspitals Zürich und Professor der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich.

Prof. Dr. med. Thorsten Zenz
04:15

Marco Roncador (in Englisch)

«Herz­stück ist die Zusammen­­arbeit und der Erfahrungs­­austausch zwischen den verschiedenen Institutionen»

Dr. med. Marco Roncador ist Assistenzarzt für Hämatologie am Universitäts­spital Zürich.

6:21

Tobias Wertheimer

«Wir möchten neue Optionen für Patienten mit schwer behandel­­baren Rück­fällen schaffen»

Dr. Tobias Wertheimer ist Postdoc am Institut für Experimentelle Immunologie der Universität Zürich.

7:53
Blutkrebs personalisiert behandeln

Sehen

Skizzierte Darstellung des INTeRCePT-Projektes

Um die Heilungschancen zu erhöhen, wird die Behandlung von Blutkrebs präzise auf die einzelnen Patientinnen und Patienten zugeschnitten.

4:45
Von der Forschung in die Praxis

Service

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Übersicht aller laufenden onkologischen Studien der universitären Spitäler Zürich: Krebsstudien Zürich

Datenauswertung von Blutproben am Computer
Blutproben werden aus dem Kühler genommen.
Datenauswertung von Blutproben am Computer
Blutproben werden aus dem Kühler genommen.
Wichtige Begriffe, kurz erklärt

Glossar

Präzisionsmedizin (früher: personalisierte Medizin):
Jeder Mensch ist anders. Auch die Art und Weise, wie wir krank und wieder gesund werden können, unterscheidet sich. Neben der genetischen Disposition spielen auch Faktoren wie Umwelteinflüsse, Lebensstil, Alter, Geschlecht und allfällige andere Krankheiten eine Rolle. Die Präzisionsmedizin kombiniert genetische Analysen mit anderen Technologien der Molekular- und Zellbiologie, Bildgebung, Computertechnik und Datenanalyse, um eine Fülle von Patientendaten zu generieren und zu analysieren. So wird es möglich, eine wesentlich präzisere Diagnose zu stellen und optimal auf die Patientin oder den Patienten zugeschnittene Behandlungen zu finden.

Hämatologie:
Die Lehre vom Blut und seinen Bestandteilen.

Blutkrebs:
Bei Blutkrebs handelt es sich um Erkrankungen des blutbildenden Systems. Dabei können das Blut, das Knochenmark oder das lymphatische System betroffen sein. Es gibt unterschiedliche Arten und Verlaufsformen.

Leukämie:
Ist ein Blutkrebs und wiederum ein Sammelbegriff für verschiedene Krebserkrankungen des blutbildenden Systems, also des Knochenmarks. Sogenannte Vorläuferzellen verschiedener Arten von Blutkörperchen geraten nicht zur Reifung. Die unkontrollierte Vermehrung unreifer Blutzellen blockiert die Funktionen der gesunden Blutzellen.

Rezidiv:
Das Wiederauftreten einer Erkrankung nach ihrer zeitweiligen Abheilung.

Biomarker:
Für die Medizin messbare Parameter biologischer Prozesse, die prognostische oder diagnostische Aussagekraft, die daher als Indikatoren beispielsweise für Krankheiten herangezogen werden. Sie sind charakteristische biologische Merkmale, die objektiv gemessen werden können und auf einen normalen biologischen oder krankhaften Prozess im Körper hinweisen können. Bei einem Biomarker kann es sich um Zellen, Gene, Genprodukte oder bestimmte Moleküle wie Enzyme oder Hormone handeln.

Wer finanziert dieses Projekt mit? (in Mio. CHF)

The LOOP Zurich - Medical Research Center
Die Laufzeit der Projektförderung
dauert von 2021 bis 2026

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Credits

Text und Audio: Rebekka Haefeli
Fotos: Frank Brüderli
Universität Zürich: Thorsten Zenz, Tobias Wertheimer
ETH: Nora Toussaint
Universitätsspital Zürich: Thorsten Zenz, Marco Roncador
Universitäts-Kinderspital Zürich: Jean-Pierre Bourquin
The LOOP Zurich - Medical Research Center: Jens Selige